«Studying up» im Schweizer Justizvollzug? : Reflexionen und Perspektiven aus der empirischen Forschung
Synopsis
In «Up the Anthropologist – Perspectives Gained from Studying up» plädierte die U.S.-amerikanische Anthropologin Laura Nader (1972) dafür, Forschungsschwerpunkte auf Bereiche zu legen, in denen formell Entscheidungsmacht, Verantwortung und Einfluss sichtbar werden. Sie argumentierte, diese Perspektive erlaube eine kritische Untersuchung der Aushandlung und Erhaltung von Machtverhältnissen und (vermeintlichen) gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten. Der vorliegende Beitrag schlägt vor, dieses Forschungsparadigma auf die Schweizer Justizvollzugslandschaft zu übertragen und einen Blick «nach oben» in jenen Institutionen zu werfen, die sich in der Schweiz dem Strafvollzug als gesetzlichem Auftrag widmen. Zu diesem Zweck werden theoretische und empirische Perspektiven erarbeitet und sodann ergänzt mit der Reflexion von Erfahrungen aus zwei anthropologischen Forschungsprojekten, die im Zusammenhang mit der von Ueli Hostettler geleiteten Prison Research Group durchgeführt wurden. Exemplarisch wird hierfür ein explorativer Blick auf die Position von JVA-Direktor:innen geworfen: Das ethnographische Material macht sichtbar, wie Direktor:innen zwischen vielzähligen und teilweise widersprüchlichen Logiken navigieren, die im Schweizer Justizvollzug Anwendung finden. Diese widersprüchlichen Logiken stellen eine Herausforderung dar, wie sie gleichsam zur Ressource werden, da Ermessensspielraum für die Akteur:innen entsteht. Besagten Handlungs- und Ermessensspielraum beleuchtend, plädieren die Autor:innen so für ein wacheres Forschungs- aber auch Öffentlichkeitsinteresse an Führungspositionen und Entscheidungsmacht im Bereich des Justizvollzugsalltags.



